Was ist Occupy / die Netzgemeinde? Oder wer ist wir und was sind die Anderen?

 

Da stolper ich beim surfen heute über diesen Text. Also habe ich mich hingesetzt und das Ganze mal ein bisschen geremixed, ich finde die parallelen nämlich nachdenkenswert, so im Bezug auf uns, wir, die Anderen und überhaupt...

Übrigens ist der von mir hier verwurstete Artikel ein auf Handelsblatt Online veröffentlichter Kommentar von Thilo Specht zu folgendem Kommentar im Handelsblatt: Die Netzgemeinde lebt!

 

 

Das Wort „Netzgemeinde” „Occupy“ geistert diese Tage durch die deutsche Medienlandschaft. Verwendet wird es immer dann, wenn ein allgemeines Stimmungsbild aus dem Internet auf der Straße eingefangen werden soll. Dann werden häufig Tweets Einzelner zitiert und es wird auf Facebook verwiesen. Die Journalisten sind sich offenbar einig: Die sozialen Netzwerke sind die Heimat der Netzgemeinde der Proteste, mit nahe gelegenem Zubringer zur Datenautobahn.

Nicht selten wurde die Netzgemeinde Occupy früher „Internet-Community” globaler Protest der Empörten genannt, bevorzugt von ergrauten Politikern Empörten selber, die das Wort den Namen in hilflose Sätze kleideten, den Blick ins Leere gerichtet. Aber der Journalismus ist dafür bekannt, dass er sprachlich mehr auf dem Kasten hat. Netzgemeinde  Occupy klingt griffiger, runder.

Nun gibt es mittlerweile zahlreiche Organisationen, die tatsächlich Ideen, Meinungen und Forderungen von Akteuren der Netzpolitik Empörten konsolidieren und zum Ausdruck bringen. Die alte Tante CCC, Lobby-Vereinigungen wie Bitkom und BVDW, aber auch hippere Gesellen wie die datenschutzkritische Spackeria oder D64  StopACTABerlin könnten indigene Stimmungsbilder auf einer validen Basis vermitteln.

Stattdessen wird beharrlich von der Netzgemeinde Occupy gesprochen. Dieses nicht greifbare Fanal der Freimaurerei 2.0 muss für alles Mögliche herhalten. Aktuell zum Beispiel für ein Stimmungsbild zum ehemaligen Liebling der Netzgemeinde(sic!) JoachimGauck

Jetzt ließe sich die Netzgemeinde Occupy als ein Hilfskonstrukt der Empirie für die Westentasche abtun. Der Journalist Stephan Dörner ist jedoch der Meinung, Occupist ist aber überzeugt, dass der Begriff Netzgemeinde Occupy seine Berechtigung erhält, weil er für eine definierte Gruppe steht:

„Ist das Wort Netzgemeinde Occupy ein guter Begriff für diese Gruppe von Menschen? Nein. Aber ich kenne keinen besseren”, so Dörner.

Von welcher Gruppe spricht er? Dörner meint die Gruppe derer, „die das Netz aktiv mittels Blogs und Twitter die öffentlichen und besetzten Raum nutzen, um Ideen zu verbreiten und Kampagnen zu organisieren”.

Dörner macht noch weitere Spezifikationen der Netzgemeinde von Occupy aus: So legitimiere sich der Begriff Netz-„Gemeinde” Occupy Bewegung aus dem Rückkanal, den andere Medien im Gegensatz zum Internet nicht aufweisen gemeinsamen Anspruch horizontaler Strukturen. (Dass Dörner vom Internet als Medium und nicht als Infrastruktur spricht, macht es auch nicht besser). Zudem unterstellt er der Netzgemeinde Occupy indirekt gemeinsame Werte und Überzeugungen.

Nun reicht die Bandbreite der twitternden und bloggenden Protagonisten von Erika Steinbach antikaptialistisch bis Christian Ströbele konservativ, von PI-News bis Indymedia Verschwörungstheorie bis Wissenschaft. In diesem Spannungsumfeld von einer Gruppe mit gemeinsamen Wertesystem zu sprechen, ist durchaus gewagt.

Wenn Doro Bär (CSU) Antifas und Christopher Lauer (Piraten) Infokrieger sich privatöffentlich fast liebevoll necken, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide zu vielen gesellschaftlichen Themen sehr unterschiedliche und streitbare Auffassungen vertreten. Zwar nutzen sie die gleichen Kommunikationskanäle wie Twitter, Facebook, Blog, E-Mail, Telefon und Fax grundlegenden Strukturen in der Asamblea und besetzen öffentlichen Raum um Platz für freie Diskussion zu schaffen. Aber reicht das tatsächlich, um Bär und Lauer all die unterschiedlichsten facetten der Empörten unter dem Begriff der Netzgemeinde Occupy subsumieren zu können?

Die Filter-Bubble der Journalisten

Ein kurzer Blick auf die Sinusmilieus zeigt, dass sich kluge Menschen schon vor Dörner Gedanken darüber machten und zu einem anderen Ergebnis gekommen sind. Die Aufgeschlossenheit gegenüber Internettechnologie Platzbesetzungen ist kein eindeutiges Indiz für die Milieuzugehörigkeit. Auch in der ARD/ZDF-Onlinestudie wird von unterschiedlichen Online-Nutzertypologien ausgegangen.

Kein Wunder, immerhin nutzen heute 74% aller Deutschen ab 14 Jahren das Internet. 35% der Nutzer besuchen regelmäßig Soziale Netzwerke und Communitys. Von den Community-Mitgliedern schreiben 48% mindestens wöchentlich Beiträge und Kommentare. (Alle Angaben: ARD/ZDF Onlinestudie.) haben 99% allen Grund zur Empörung, wenn man unsere Gesellschaft einmal mit gesundem Menschenverstand betrachtet.

Da kommt einiges zusammen an Meinungsäußerungen. Von Homogenität kann da nicht mehr die Rede sein, von einer Gruppe mit gemeinsamen Werten und Überzeugungen schon gar nicht.

Journalisten wie Dörner muss sich allerdings tatsächlich der Eindruck aufdrängen, dass „das Netz”  „die Empörten“ mit einer Stimme spricht sprechen, wenn einschneidende Ereignisse der Netzpolitik Politik betrachtet werden. Etwa die E-Petiton gegen das Zugangserschwerungsgesetz, die 134.000 Mitzeichner einsammelte. Oder der Erfolg der Piratenpartei, die vor allem mit netzpolitischen Themen populär wurde. Jüngst die beeindruckenden Demonstrationen gegen ACTA in vielen europäischen Metropolen.

Dörner insistiert, dass die Netzgemeinde Occupy hinter diesen Ereignissen steht. Das ist falsch und auf fatale Weise rückwärtsgewandt. Impliziert diese Sichtweise doch, dass es sich bei den Aktivisten Empörten tatsächlich um eine homogene Gruppe handelt, die gesamt gleiche oder ähnliche Eigenschaften und Interessen aufweisen wie es etwa politische Parteien tun.

Dabei zeigen diese Ereignisse doch gerade, dass Netzpolitik heute die Lebensentwürfe und Wirtschaftsräume großer Teile unserer Gesellschaft betreffen. Hinter den Guy-Fawkes-Masken der Aktivisten sind Unternehmer, Politiker und Wissenschaftler jeglicher Couleur zu finden. Jeweils mit ganz unterschiedlichen Gründen für ihren Protest. Da geht es um Geld, Einfluss, aber eben auch Idealismus und Empörung.

Die Gefahr der Überregulierung ist nicht nur eine Frage von Freiheitsentzug, sondern auch von Märkten und Wettbewerbsbedingungen. Netzpolitik Die Empörung geht heute alle an. Das ist der Grund, warum alle mitreden.

Wenn in den privatöffentlichen Diskussionen immer nur die selben twitternden Protagonisten als Sprecher einer Netzgemeinde einer nicht existierenden Einheit wahrgenommen werden, hat das wenig mit der Realität zu tun. Vielmehr ist die Filter-Bubble der Journalisten und die Meinung einiger Empörten, man müsse die Erwartungshaltungen der Medien erfüllen, Schuld an dem Dilemma.

Wer heute von der Netzgemeinde den Empörten als politische Bewegung spricht, hat also ein ziemlich eingeschränktes Blickfeld.

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